Montag, 27. April 2015

Trottenstrasse

Ich und meine Schwestern sind an der Arschlochstrasse aufgewachsen.

In einem Bauerndorf mit knapp 600 Einwohner haben sich an der Trotte die so ziemlich fiesesten und unfreundlichsten Gestalten getroffen, die es gibt.
Versteht mich nicht falsch. Wir hatten auch Vreni und Sepp mit ihren grossen Buben und die Familie Wipf, aber das war es dann. Für die nächsten 15 Jahre...

An dieser Strasse hatten wir alles. Alteingesessene, Kinderlose. Zugezogene aus angrenzenden Kantonen und ein, zwei Normale. Anständige. Auch Rudolf-Steiner Kinder, auf deren kindliche Unterstützung wir nicht zählen konnten. Weil wir sie gar nicht kannten. An dieser Strasse! In diesem Dorf.

Jedes Grundstück verfügt über mehrere Quadratmeter. Platz genug um die Hütte, um miteinander auszukommen.
Sollte man meinen.
Man hatte Abstand. Keine Reihenhäuser.
Viel Platz.
Kein Durchgangsverkehr.
Sackgasse.
Ende.

Und doch hat man sich gestritten, tagtäglich. Der Anstand fehlte. Auf jedes noch so simple Baugesuch wurde Einsprache erhoben. Die Nachbars Katze wurde bekämpft, ebenso wie Bäume und verdammte Sträucher. Es wurde nicht gegrüsst und schon gar nie geredet. Nie.
Wir Nachbarskinder assen nie beieinander zu Mittag und ein normales miteinander Spielen war auch schier unmöglich, weil sich ja die Alten nicht vertragen haben.
Wir durften an Silvester von unseren Eltern aus am Abend nicht mit raus. Alle unsere Gspänli verbrachten den Silvester Abend Streiche spielend und wild herumstreuend im Dorf.
Wir nicht.
Warum?
Nur so konnten unsere Eltern hieb und stichfest bezeugen, dass wir es nicht waren, welche beim gestörten Banker die Granitmöbel zerstört haben und Elsis Briefkasten mit Klopapier verschmiert haben.
Das wurde nämlich gemacht.
An dieser Strasse mit diesen unsympathischen Menschen.

Jeder war für sich.

Wenn wir gefragt wurden wo wir wohnen, wurden wir ausgelacht. „Haha..die Trottelstrasse“.
Jeder kannte uns. Jeder wusste von den Streitigkeiten.
Ich habe es gehasst.
Nur ganz selten hat sich jemand durch das Krisengebiet gewagt. Denen die es bis heute immer getan haben war und bin ich sehr dankbar.
Jene Frauen und Männer die angehalten haben und einen Schwatz hielten. Jene die es schafften, nicht alle in den gleichen Topf zu werfen.
Jene, die mir weit weg von der Trotte die Chance gaben, meine kommunikative Art auszuleben.
Freundschaften zu schliessen. Freundschaften, die bis heute halten!

Heute ist die Trottenstrasse ruhig. Die Arschlöcher sind weg. Nur Elsi trotzt dem unfreundlichen Haufen noch. Ich denke, sie überlebt alle!
Nodisno sind die Hausbewohner weggezogen.
Wohl um an einem neuen, unbekannten Ort erneut Lämpe anzuzetteln.
Recht einzufordern.
Um zu gewinnen.
Wenn ich heute nach Hause komme, winkt mir die Nachbarin von meiner Mutter zu, die Kinder tschutten gemeinsam und man schaut während den Ferien zu den Blumen.
Ich habe einige Zeit gebraucht, um dem Frieden zu trauen.
Heute redet niemand mehr von der TROTTELstrasse.
Durch und durch freundliche Menschen wohnen jetzt dort.

Etwas habe ich mir doch hinter die Ohren geschrieben.
„Scheisse“ nie dort wo es dir wohl ist!
Das Leben ist um vieles einfacher, wenn man mit seinen Nachbarn gut auskommt.
Man muss nicht bei sich gegenseitig ein und ausgehen.
Nur mit Freundlichkeit kommt man schon recht weit.

Heute bin ich im anderen Dorfteil zu Hause.
An meiner Strasse sind wir nett.
An meiner Strasse helfen wir einander.
An meiner Strasse sind Kinder willkommen.
Das kleine Dorf von damals hat sich bis heute beinahe verdoppelt.
Auch heute kommen noch Arschlöcher hierher.
Wird es wohl immer geben. Menschen mit genügend Geld, die meinen, uralte Gegebenheiten durch genügend Arroganz auszumerzen zu können.
Nun.
Wird wohl schwierig werden.
Für sie.
Denn Glücklich wird man mit dem richtigen Haus an der falschen Strasse wohl nie!


Ich danke allen an meiner heutigen Strasse. 
Schön gibt es Euch,
Herzlichst Eve



Und so nebenbei. Wenn ihr gerade an einem Streit seid. Ihr euch so richtig für euer Recht einsetzt. Wegen einem Busch oder so...
Denkt an die Kinder von dieser Strasse. Viel Platz ohne Freunde ist scheisse!


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